Interview zur Berufswahl

Wer die Wahl hat, hat die Qual?

Berufswahl-Interview | Wer die Qual hat

Dieses Interview wurde am 15.04.2013 von Laura Bähr (Redakteurin für die Online-Plattform „Redaktion Zukunft„) mit Ursula Schüter (Expertin für berufliche Bildungsberatung und Redakteurin für www.nach-dem-abitur.de) geführt.

In dem Interview wird die Problematik aufgegriffen, dass sich Schüler heutzutage nach ihrem Abschluss aufgrund der Fülle der Möglichkeiten kaum noch entscheiden können und mit der Vielfalt der Angebote regelrecht überfordert sind.

Laura Bähr: Kurze Vorstellung: Wer sind Sie?
Ursula Schlüter im Interview

Ursula Schlüter: Ich bin Mutter zweier erwachsener Töchter und seit 24 Jahren als pädagogische Beraterin in einer Kreisverwaltung tätig. Meine Spezialgebiete sind Gewaltprävention in pädagogischen Einrichtungen und Bildungsberatung. Innerhalb der beruflichen Bildungsberatung habe ich im Laufe der Jahre hauptsächlich Schüler ab Klasse 8 und Lehrerkollegien als Multiplikatoren beraten. Aktuell berate ich junge Erwachsene zu Schullaufbahnfragen und beruflicher Orientierung. Zudem bin ich redaktionelle Mitarbeiterin beim Schulportal www.nach-dem-abitur.de und verantworte dort vor allem die Rubrik „Entscheidungshilfen“, in der wir Schulabgängern Hilfestellung für ihren Weg in die Berufswelt geben.

Wie sind sie zu ihrem Beruf gekommen?

Mit 17 Jahren bin ich aus meinem Elternhaus ausgezogen, habe die mittlere Reife (heute FOS-Reife) und mein Abitur aus dem zweiten Bildungsweg gemacht. Für mich stand damals schon fest, dass mein beruflicher Weg anders sein sollte, als es meine Eltern für mich planten. Anstoß für mein Pädagogikstudium für das Lehramt (kath. Religion und Biologie) war mein damals erlebter Religionsunterricht am Westfalenkolleg. Für mich stand plötzlich fest, dass ich den Unterricht besser machen will. Von da an hatte ich meine Berufswahlentscheidung getroffen. Nach einigen Jahren im Lehramt hatte ich die Chance bekommen, als pädagogische Beraterin für Schulen, Kitas und Jugendhauseinrichtungen zum Thema Gewaltprävention tätig zu werden. Ein zweiter Bereich Bildungsberatung kam nach entsprechenden Qualifikationen dazu. Obwohl ich gern Lehrerin war, reizte mich damals die neue Aufgabe. Bis heute gebe ich Einzelberatung zur Berufswahlentscheidung, besonders im Kontext von schwierigeren persönlichen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen. Ich liebe das Arbeiten und Erarbeiten mit Menschen und werde mit positiven Rückmeldungen belohnt- für mich mein Traumberuf.

Ihre Einschätzung: Warum fällt es heutzutage vielen Jugendlichen so schwer sich nach ihrem Abschluss zu entscheiden was sie tun wollen?

Ich erlebe in meiner Beratung Jugendliche und Erwachsene, die im heutigen Überangebot von Möglichkeiten sowie gesellschaftlichen „Zwängen“ nicht zu sich selbst finden. Sie kennen oftmals nicht ihrer Fähigkeiten und Interessen, weil der Blick hauptsächlich auf das fokussiert ist, was ihrer Meinung nach andere von ihnen erwarten und ihnen versprechen. Die Medien spielen dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle. Sobald für sie die berufliche Laufbahnentscheidung ansteht wissen sie zwar, dass ihnen ihr Beruf Spaß machen soll, sie finanziell abgesichert oder erfolgreich sein wollen, nur wie sie dorthin kommen, wissen sie oftmals nicht. Das Phänomen trifft man übrigens nicht nur bei Menschen, die meinen, keine Fähigkeiten zu haben, sondern auch bei solchen, die leistungsstark und vielfältig in ihren Fähigkeiten sind.

Wie wählt man einen Beruf aus, mit dem man zufrieden ist? Wie treffen Menschen solche enorm wichtigen Entscheidungen?

Die heutige Vielfalt von beruflichen Möglichkeiten und Wegen dorthin verunsichert und verwirrt erst einmal. Die Frage sollte nicht sein, welchen Beruf will ich ergreifen, sondern wie sollte mein Berufsalltag aussehen? Welche Tätigkeiten würden mich reizen, was könnte und würde ich gern im Beruf einsetzen? Bei welchen Herausforderungen sehe ich meine Potenziale?  Das heißt der erste Schritt sollte unbedingt die Selbstreflexion sein. Erst danach ist es möglich, sich für eine oder zwei Berufsfelder zu entscheiden. Die anschließende Wahl eines konkreten Berufes und dem Weg dorthin kann dann zielsicherer und zielstrebiger und damit auch erfolgreich umgesetzt werden.

Wie geht man aus Ihrer Sicht am besten vor, wenn das Ende der Schulzeit ansteht?

Früh damit beginnen, sich selbst zu entdecken in seinen Fähigkeiten, Interessen und auch Grenzen. Erkannte Potenziale können dann bereits in Schule und Freizeit mit Spaß gepflegt und ausgebaut, Grenzen mit anderen Stärken wettgemacht werden. Ab Klasse 8/9 können hierbei auch Tests, Beratungseinrichtungen und nicht zuletzt auch Lehrer, Eltern und Freunde bei der Selbsteinschätzung helfen.  Hinzu kommt die Möglichkeit der beruflichen Praktika – nicht nur die schulischen, sondern auch ruhig freiwillige während der Schulferien. Innerhalb meiner Beratung habe ich immer wieder erlebt, dass Schüler/innen ihren Notendurchschnitt erheblich verbessern konnten, nachdem sie ihr berufliches Ziel entdeckt hatten.

Wird den Jugendlichen heutzutage von außen zu viel Druck gemacht? Der Beruf sollte schließlich sicher sein, Anerkennung liefern und gut bezahlt werden.

Ja, aber letztendlich ist es die Frage, ob wir uns diesem Erwartungsdruck von außen wirklich beugen sollten. In unserer heutigen Konsumgesellschaft zählen die Attribute „mehr“, „schneller“ und „erfolgreicher“. Dabei sollte doch an erster Stelle die Frage nach der eigenen Zufriedenheit mit seinem persönlichen Lebensentwurf sein. Die Wege dahin sind dann nicht nur vielfältig sondern auch jeder Zeit noch ausbaubar. Meine Devise dazu ist: „Wenn du deinen Fähigkeiten und Interessen entsprechend deine Berufswahl fällst, kannst du sie auch beruflich erfolgreich umsetzen, und zwar so wie du für dich definierst“. Das kann ein sicherer Job, Anerkennung von außen, gute Bezahlung bedeuten – muss es aber nicht.

Ist es möglich die Ausmaße einer solchen Entscheidung überhaupt einzuschätzen, alle Punkte rational abzuwägen?

Nein, aber ist das wirklich wichtig und richtig? Bei allen rationalen Erwägungen, die sicher ihren Platz haben müssen, ist doch auch das „Bauchgefühl“ wichtig. Rein rational gefällte Entscheidungen werden später häufig hinterfragt, führen nicht selten zu Studien- und Ausbildungsabbrüchen. Natürlich ist die richtige Berufswahl wichtig, aber keineswegs eine Sackgasse, wenn man noch nicht weiß, wo man in 20 Jahren beruflich stehen will. Mit den heutigen Bildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten und den wechselnden beruflichen Herausforderungen können wir heute davon ausgehen, dass wir nicht 40 Jahre die gleiche berufliche Tätigkeit ausüben. Wesentlich ist vielmehr, dass der Berufsbereich bzw. -feld unseren beruflichen Vorstellungen und Potenzialen entspricht. Alles andere bringt die Zeit, sei es der Wunsch beruflich aufzusatteln, sich zu spezialisieren oder auch mit den gemachten Erfahrungen neue Wege zu beschreiten.

Wie sinnvoll ist es andere um Rat zu fragen? Helfen sie beim Entscheiden oder verkomplizieren sie den Prozess nur unnötig?

Es kann eindeutig helfen, wenn man Vertraute fragt, die ehrlich sind und einen kennen. Darüber hinaus helfen auch Beratungseinrichtungen, die darauf spezialisiert sind. Die Erkenntnisse daraus, gilt es für sich zu hinterfragen – Finde ich mich darin wieder? Gibt es Impulse, die mich in der beruflichen Wahl sicherer machen? Die Entscheidung kann einem keiner nehmen und das ist auch gut so, denn es ist mein Leben mit meinen eigenen Prioritäten und Rahmenbedingungen.

Wann sollte man sich erstmalig mit der Berufswahl beschäftigen?

Es gilt, sich früh genug auszuprobieren und in seinen Fähigkeiten zu entdecken. Für diesen Prozess gibt es keine untere Altersgrenze. Eltern, aber auch Lehrer und Freunde  spielen dabei eine große Rolle. Sie können für uns ein Spiegel sein, in dem was sie uns zutrauen und in dem sie uns bestärken.  Hinzu kommen die Schulpraktika ab Klasse 8. Hierbei besteht die große Chance, in den entsprechend Berufsalltag hinein zu schauen, sich zu hinterfragen, ob die Aufgaben der dortigen Mitarbeiter auch für sich selbst reizvoll sein könnten. Keineswegs sollte der Beruf danach entschieden werden, was man als Praktikant und somit als Ungelernter in dieser Zeit machen kann und soll. Vielmehr gilt es zu registrieren, wie die Arbeit für ausgelernte Kräfte aussieht. Auch höre ich oft, dass Jugendliche den Praktikumsplatz nach Bequemlichkeit aussuchen und bestenfalls anschließend wissen, dass sie den Beruf auf keinen Fall ausüben wollen. Diese Erkenntnis macht nur Sinn, wenn man im Vorfeld diesen Beruf eventuell in Erwägung gezogen hat. Ansonsten gilt die Devise „Nutze Praktika, um in Berufe, die du für dich eventuell als möglich und reizvoll ansiehst, hineinschnuppern zu können“.

Kann zu viel Freiheit in der Wahl anstrengend und paradoxerweise gleichzeitig einengend sein?

Natürlich kann einem die Vielfalt an beruflichen Möglichkeiten schon erschlagen und vor allen Dingen verunsichern, wenn es gilt, sich entscheiden zu müssen.  Anstrengend wird es, wenn man meint, alle beruflichen Wege vorab unter die Lupe nehmen zu müssen, um den persönlichen Idealberuf zu finden. Das wäre nicht nur verwirrend sondern in der Konsequenz auch lähmend. Nicht wenige Studenten wählen dann einen Studienweg aus praktischen Erwägungen oder weil man andere kennt, die diesen Studiengang ebenfalls absolvieren.

Wie hat sich die Entscheidung was den Beruf angeht in den letzten Jahren gewandelt?

Mehr Wissen bedeutet auch mehr Verantwortung. In unserem heutigen medialen Zeitalter können wir natürlich leichter und weiter über unseren „Tellerrand“ schauen. Je mehr Wissen uns zur Verfügung steht, umso schwerer ist es aber auch genauer hinzuschauen, auch auf uns selbst und uns auszuprobieren. Schnelllebigkeit und Überangebot verführen zu Oberflächigkeit, und zwar in der Wahrnehmung und dadurch auch in der Bewertung – sowohl der Außenwelt wie auch der eigenen Lebensphilosophie.
Das war früher anders. Werte und Normen waren gesetzt und wurden eingefordert. Die Prägung junger Menschen erfolgte vor allem durch die Eltern, Lehrer, den Lehrherrn und das direkte Umfeld. Auch die berufliche Entscheidung wurde dadurch oftmals den Jugendlichen abgenommen. Das berufliche Spektrum in seinen Möglichkeiten war kleiner, die Berufswahl eine Lebensentscheidung, nicht selten bis zur Rente.
Mit unserer zunehmenden Selbstbestimmung und gleichzeitig den größeren beruflichen Möglichkeiten, Herausforderungen sowie den Anforderungen an Flexibilität haben wir heute eine größere Chance der Selbstverwirklichung, dadurch aber auch die Aufgabe, unsere (beruflichen) Schritte  immer wieder auf den aktuellen Prüfstand zu stellen.

Gibt es eine Strategie sich richtig zu entscheiden? Und wenn ja, wie finde ich meinen persönlichen Ansatz?

Ziel sollte es bei der Berufswahlentscheidung sein, Zweifel und Unsicherheiten auf ein Minimum zu reduzieren. Ein sicherer Weg dahin ist die Vorgehensweise folgender Schritte:

  1. Selbsterkundung
  2. Richtig informieren
  3. Richtig entscheiden und
  4. Entscheidungen umsetzen

Die Reihenfolge 1-4 ist hierbei sehr wichtig. Ansonsten kann man während der Entscheidungsphase oder aber spätestens innerhalb der Ausbildung oder des Studiums wieder von Fragen eingeholt werden, wie z.B.: Will ich diesen Beruf wirklich ausüben? Gibt es nicht noch einen für mich passenderen Beruf? Habe ich alles, was mir eigentlich wichtig ist, bedacht?… .
Konkrete Hilfen dazu habe ich auch unter „Entscheidungsfindung & Umsetzung“ zusammen gestellt.

Woran merkt man, dass man sich falsch entschieden hat?

Indizien dafür sind u.a. Zweifel;  Lustlosigkeit; keine Energie, das Studium oder die Ausbildung durchzuhalten; die Feststellung, dass man sich die Ausbildung bzw. das Studium ganz anders vorgestellt hatte und nun nach Alternativen sucht. Dann heißt es in den beruflichen Überlegungen zurück auf Punkt 1 –Selbsterkundung: Finde deine Interessen und Fähigkeiten, dann findest du auch deinen beruflichen Weg. Möglichkeiten dorthin gibt es viele, egal mit welchem Schulabschluss.

Kann man aus einer falschen Entscheidung wirklich so viel lernen wie man immer sagt? Wenn ja, wie?

Es ist nie zu spät, die berufliche Entscheidung noch einmal umzuwerfen. Jedoch kostet es mehr Energie, Zeit und Geld.  Gleichzeitig sollte man den neuen Schritt dann auch nicht scheuen, denn so mancher Umweg bringt Erfahrungen und Erkenntnisse, die einen stärker, selbstbewusster und zielstrebiger machen können – nicht nur in beruflicher Hinsicht.

Gibt es die perfekte Entscheidung – den perfekten Beruf für jeden?

Grundsätzlich ja. Das hängt jedoch nicht nur von der Wahl des konkreten Berufes ab. Immerhin gibt es  viele Berufe mit ähnlichem Anforderungsprofil und Arbeitsalltag. Ob es für den Einzelnen der Idealberuf ist kann jeder erst Jahre später feststellen. Bis dahin hat man an persönlicher Reife zugenommen, hat seine Lebensplanung mit dem was einem wichtig ist deutlicher vor Augen und fühlt sich in seinem Beruf optimaler Weise passend gefordert. Das heißt nicht, dass es ein Berufsalltag ohne Stress und andere weniger optimale Begleitumstände gibt.  Je zufriedener man jedoch mit dem Beruf und seinen Herausforderungen ist, umso eher ist man bereit, die negativen Seiten, die schließlich jeder Beruf mitbringt, zu akzeptieren.

Was wünschen Sie zum Abschluss unseres Interviews den heutigen Jugendlichen?

Vor der Zeit der Berufswahl wünsche ich ihnen Eltern, Lehrer und Freunde, die sie in ihren Fähigkeiten und ihrer Einzigartigkeit bestärken. In der Zeit der Berufswahlentscheidung wünsche ich ihnen Mut und Selbstvertrauen, Hilfen in Anspruch zu nehmen und Entscheidungen zu treffen sowie die Freude, sich auf die neue Herausforderung Studium oder Ausbildung einzulassen.